Ich durfte im Teambus mitfahren – und wir hatten gemeinsam richtig viel Spaß. Nicht nur weil Carlo Heinke eine Etappe für sich entschieden hat und bei der Schlussetappe vor dem Olympiastadion in Berlin auf den 3. Platz gesprintet ist. Aber der Reihe nach…

Es herrscht bereits eine knisternde Aufregung vor der Abfahrt am 14. Juli. Der Bus ist schon teilweise gepackt, als sich die Sportler begleitet von ihren Eltern am Verein treffen und die Räder und Taschen verstauen. Obwohl die Kinder regelmäßig Rennen fahren, ist die Tour de Berlin etwas Besonderes. Über 5 Etappen an 3 Tagen wird um die Plätze gekämpft. Es gibt wie bei den Großen ein grünes Sprinttrikot, ein weißes Trikot für die Schnellsten des jeweils jüngeren Jahrgangs und ein rotes Trikot für die aktivsten Fahrer jeder Klasse zu gewinnen. Mädchen und Jungen starten zusammen, haben aber getrennte Wertungen. Für die Gesamtwertung werden alle Zeiten zusammen gezählt. Sicher werden viele Teams aus ganz Deutschland da sein, vielleicht auch Teams aus dem Ausland. Alle wollen wissen, wie die Form nach der Sommerpause ist, wie die Trainingslager angeschlagen haben. Niemand will sich blamieren. Ist das Rad in Ordnung? Haben wir auch nichts vergessen? Kommen wir pünktlich zum Start am späten Nachmittag?

Die Fahrt verläuft reibungslos, so dass wir überpünktlich am Truppenübungsplatz Lehnin südwestlich von Potsdam ankommen. Es hat 33 Grad. Wir laden die Räder aus und bauen den Pavillon auf. Neben einem freistehenden Baum soll dieser uns in den nächsten 1,5 Tagen Schatten spenden. Der 5te Sportler des Teams, der mit seinem Vater selbst angereist ist, stößt zu uns. Noch ist es ruhig. Die Lichtung, die als Parkplatz dient, ist großzügig und der Wald um uns herum strahlt Ruhe aus und verspricht Schatten und etwas kühlere Luft. Zeit für alle Beteiligten, ihr mitgebrachtes Mittagessen einzunehmen. Nur Björn, der als Mannschaftsleiter dabei ist, wirbelt noch. Er überlässt nichts dem Zufall.

Ich darf ihn zur Mannschaftsleitersitzung begleiten. Nur 100m von der Parkgelegenheit befinden sich Start und Ziel, wo sich Kampfrichter und Helfer tummeln. Dort findet auch die Sitzung statt. Ein kleiner Exkurs: ich weiß aus Erfahrung, Fairness im Sport wird regelmäßig in kleinteilige und unbarmherzige Regeln übersetzt. So liest sich auch die Ausschreibung, die ich während der Fahrt studiert hatte. Kein Zeitfahrmaterial, keine Flaschen anreichen, dieselben Trikots für alle Teammitglieder, obwohl wir die Teamzusammensetzung bei der U13 noch nicht kennen, und vieles mehr. Ich frage mich, ob ich als unlizenzierter Betreuer überhaupt auf der Sitzung erwünscht bin. Der leitende Kommissär fängt kaum an zu reden, als klar wird, es geht hier nicht darum, die Regeln einzuschärfen. Es geht darum, alle Beteiligten zusammenzuschweißen – als Trainer- und Kommissärteam, die es den Kindern ermöglichen wollen, ein tolles Rennen zu fahren. Sicher. Fair. Kameradschaftlich. Lehrreich. Schließlich sind alle aus Freude am Sport zusammen gekommen – niemand verdient hier Geld, alle machen das als Hobby. Ich bin etwas pathetisch über den Gedanken, wie sich so viele Leute hier mit so viel Energie für rund 100 junge Sportler einsetzen.

Kaum haben wir die Sitzung verlassen, holt uns der Ehrgeiz wieder ein. Jetzt wollen wir gewinnen. Heute stehen für die U13 und die U15 jeweils zwei Wettbewerbe auf dem Plan. Als Prolog gibt es ein gut 3km langes Zeitfahren. Darauf liegt jetzt die ganze Konzentration. Startzeiten prüfen. Räder checken. Richtig essen und vor allem Trinken. Es beginnt das individuelle Warmfahrprogramm – auf jeden Sportler zugeschnitten und ausgedruckt! Aufgrund der Hitze wird es etwas verkürzt und findet im kühlenden Fahrtwind auf der Straße statt. Die leeren Waldstraßen auf dem Übungsplatz erlauben das Warmfahren auf der Straße statt wie gewohnt auf der Rolle. 10 Minuten vor ihrem Start rollen die Sportler zur Übersetzungskontrolle und dann geht es los. Der Prolog verläuft unspektakulär – die Leistungen entsprechen den Erwartungen.

Etwas Verschnaufpause gibt es nach dem Prolog. Auch Zeit für einen Plausch mit anderen bekannten Sportlern. Gemeinsames Ausfahren, Trinken, Essen, Erfrischen an der Außendusche. Danach startet die Vorbereitung auf die zweite Etappe: ein Geschicklichkeitsfahren steht am Abend an. Fleißig wird der normierte Parcours noch einmal eingeübt. Auch auf dieser Etappe sind die Sportler gut dabei. Außer einer: Carlo Heinke wiederholt, was er in im Juli in Jena bereits geschafft hatte – er gewinnt den Wettbewerb, indem er den Parcours in sagenhaften 20,6 Sekunden absolviert. Stolz macht sich im Team breit. Die Anspannung fällt ab. Wir verstauen alles Material im Bus und fahren mit lauter Musik Richtung Jugendherberge in Potsdam. Es ist bereits spät, wir beziehen die Zimmer und machen uns schnellstmöglich auf zum wohlverdienten Abendessen beim Italiener. Dort sitzen wir mit den Mitstreitern aus Gera am Tisch. Obwohl das Essen schmeckt und die Unterhaltung gut ist, brechen wir schnell auf. Die Müdigkeit holt uns ein.

Am nächsten Tag haben wir genügend Zeit in Ruhe zu frühstücken, uns mit Eis einzudecken und zurück an die Rennstrecke nahe Lehnin zu fahren. Wir besprechen die Taktik. Carlo hat eine super Form, er kann Sprints gewinnen. Für einen Platz auf dem Podium in der Gesamtwertung wird es wahrscheinlich nicht reichen. Aber das grüne Sprinttrikot finden wir alle erstrebenswert und schick (fast so schön wie unser Vereinstrikot). Zuerst ist die U13 mit einem Rundstreckenrennen über knapp 20km an der Reihe, anschließend die U15 über gut 30km. Nach 5,1km gibt es bei der U15 die ersten Punkte für das grüne Trikot. Am Start wird erstmalig sichtbar, wie viele Sportler eigentlich da sind – jeweils rund 50 Akteure haben sich in der U13 und der U15 zusammen gefunden. Deutlich mehr als in den meisten Rennen und stärker besetzt, wie die Startlisten verraten. Carlo wird 3. in der Sprintwertung und holt sich einen Punkt. Die Konkurrenz schläft offenbar nicht. Das Ergebnis ist mehr als respektabel. Am Ende der Etappe fahren alle mit ordentlichen Ergebnissen über die Ziellinie. Es bleibt spannend.

Es ist jetzt am frühen Nachmittag und die 35 Grad beginnen uns zu schaffen zu machen. Für die U13 steht noch ein Einzelzeitfahren über die 5,1km bis zur vorgenannten Sprintwertung an, für die U15 ein Mannschaftszeitfahren über dieselbe Strecke. Die ersten Defekte an Rädern müssen repariert werden. Das Eis zur Erfrischung wird nun auch in die Getränke gemixt. Es herrscht eine nervös-müde Stimmung. Wir sind froh, als die Sportler endlich auf der Straße sind. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Es gibt keine weiteren Highlights für die Mannschaft an diesem Tag, aber auch keine Einbrüche. Wir kehren gut gelaunt und etwas früher als am Vortag in die Jugendherberge zurück. Die Pizza zum Abendessen ist super und ein Vater spendiert ein Eis. Es sind ja schließlich keine Profis, die penibel auf die Ernährung achten müssen. Es hat angenehm abgekühlt auf dem Rückweg vom Restaurant, die Strapazen sind für einen Moment vergessen und die Stimmung ausgelassen.

Am letzten Tag haben wir morgens noch etwas mehr Zeit, die wir zum Packen nutzen. Heute geht es nach Berlin. Wir parken direkt vor dem Olympiastadion, packen aus und blicken ehrfürchtig auf das Gebäude und den verwinkelten Kurs. Sicher ist, heute werden die Sportler viel lernen. Sicherheit auf dem Fahrrad gewinnen. Der Kurs ist noch feucht vom Regen, es gibt eine Kopfsteinpflasterpassage, viele Kurven und Spitzkehren und sogar ein Stück Gravel. Hoffentlich keine Stürze. Routiniert gehen die Sportler den Tag an, freuen sich auf die letzte Etappe. Es ist noch vieles offen. Das Rundstreckenrennen ist etwas länger als das erste und deutlich schwieriger. Drei Sprintwertungen gibt es – Carlo will sein Glück versuchen.

Zunächst ist die U13 dran. Tamino Richwald fährt heute ein super Rennen mit dem Hauptfeld und wird 24. Laura Wenderoth hält sich tapfer, verliert wenig Zeit und wird 7. Tamino wird so 33. in der Gesamtwertung, Laura 7. bei den Mädchen. Es ist geschafft, ohne Stürze, ohne Aussetzer. Wir sind stolz und zufrieden.

Bei der U15 macht Carlo eine super Figur. Er ist immer unter den ersten 10 unterwegs, führt das Feld teilweise an. Auch seine Teamkameraden Linus Gerbach und Theodor Quasnica halten sich weit vorne im Feld auf und unterstützen ihren Kapitän nach Kräften. Für das Sprinttrikot reicht es trotzdem nicht: in der ersten von drei Wertungen wird er vierter. Carlo setzt daher auf den Schlusssprint. Und zeigt erneut, welche Stärke er sich erarbeitet hat – als dritter auf der Königsetappe steht er später auf dem Treppchen. In der Gesamtwertung erreicht er einen hervorragenden 12. Platz. Linus Gerbach wird insgesamt 24., Theodor Quasnica belegt den 29. Platz. Mehr hatten wir uns nicht erträumt. Mit Stolz und Respekt vor den Leistungen der Trikotträger und Gesamtsieger wohnen wir der Siegerehrung bei. Wir stärken uns mit einer original Berliner Currywurst, bevor wir uns auf den Heimweg machen.